Im Test: Bragi The Headphone

Bragi The Headphone

Vor knapp einem Jahr begann das Münchener Start-up Bragi, nach etlichen Verzögerungen, endlich mit der Auslieferung der ersten komplett kabellosen Ohrhörer. Leider konnten die rund 300 Euro teuren Earbuds – die auf den seltsamen Namen The Dash hören – die hohen Erwartungen aber nicht erfüllen.

Zu groß waren die Mängel bezüglich Passform, Batterielaufzeit, Bluetooth-Verbindung sowie Klang- und Mikrofonqualität. Mein Urteil fiel dementsprechend vernichtend aus. Hätte sich Bragi doch einfach nur auf das Wesentliche konzentriert.

Immerhin sollte die Kritik nicht ungehört verhallen und so kündigte Bragi im September eine abgespeckte, billigere Version der smarten Earbuds an. Abgesehen von einem abermals sperrigen, irreführenden und gänzlich unpassenden Namen („The Headphone“) und den Bragi-üblichen Problemen bezüglich der Einhaltung von Versprechen und Lieferzeiten, kann dieses Mal wenigstens das Produkt als solches überzeugen.

Lieferumfang & Optik

Zum Lieferumfang gehören zwei Paar Eartips aus Silikon und ein Paar Comply Foam Eartips aus Memoryschaum sowie ein Aufbewahrungs-/Transportcase und ein USB-Ladekabel. Optisch unterscheidet sich The Headphone nur geringfügig von seinem großen Bruder. So hat The Headphone ein mattes Finish und statt einer Touch-Oberfläche wurde der rechte Earbud mit drei kleinen, physischen Knöpfen zur Steuerung ausgestattet.

Bragi The Headphone, In-Ear, Earbuds
The Headphone liegen Eartips in drei Größen bei. Die Abschirmung von Außengeräuschen ist dadurch deutlich besser als bei The Dash.

Passform & Tragekomfort

Was die Passform betrifft, hat Bragi aus seinen Fehlern gelernt und The Headphone unterschiedlich große Eartips beigelegt. Besonders gut ist die Abschirmung natürlich mit den Comply Foam Eartips, da sie sich wie Ohropax individuell an das Ohr anpassen. Der Tragekomfort ist überragend, vom anfänglichen Jucken mal abgesehen. Das kannte ich aber schon von The Dash und glücklicherweise lässt es mit der Zeit nach.

Die Earbuds sitzen absolut sicher und fallen selbst bei den wildesten Bewegungen und Verrenkungen nicht aus dem Ohr. Damit sind sie auch perfekt für sportliche Aktivitäten geeignet, was man von Apples AirPods wohl eher nicht behaupten kann.

Bragi The Headphone, In-Ear, Earbuds
Die Earbuds sind extrem leicht und sitzen absolut sicher im Ohr.

Klangqualität

Auch in puncto Klangqualität bestand Verbesserungsbedarf und auch hier hat Bragi aus der Vergangenheit gelernt. So klingt The Headphone deutlich besser als The Dash. Darüber hinaus gibt es auch kein Weißes Rauschen. Erstaunlicherweise sind mir sogar bei manchen Songs Geräusche aufgefallen, die ich zuvor nie wahrgenommen habe. Insgesamt ist mir The Headphone aber zu leise. Selbst in ruhigen Umgebungen, muss ich die Lautstärke des iPhones deutlich weiter aufdrehen (auf ca. 50 Prozent) als sonst üblich, um ein zufriedenstellendes Klangerlebnis zu erhalten. Das wirkt sich natürlich zwangsläufig auf die Batterielaufzeit aus. Aber dazu später mehr.

Bedienkonzept

Bedient wird The Headphone über die bereits erwähnten drei Knöpfe am rechten Earbud. Auch wenn man es sich vielleicht kompliziert vorstellen mag, die richtige Taste blind zu finden, ist es in der Praxis ganz einfach. Die Multifunktionstaste befindet sich unten in der Mitte. Sie ist für das An-/Ausschalten, das Pairing, die Steuerung von Anrufen und des Sprachassistenten (z. B. Siri) sowie das Vor- (2x) und Zurückskippen (3x drücken) zuständig. Die Lautstärketasten sind links und rechts über der Multifunktionstaste angeordnet, wobei die Plustaste beim Tragen eher nach oben, die Minustaste nach unten geneigt ist. Durch langes Drücken dieser Tasten, lässt sich die Funktion Audio Transparency aktivieren (Plustaste) bzw. deaktivieren (Minustaste).

Das Drücken der Tasten kann mitunter etwas unangenehm sein, weil man beim Drücken gleich den gesamten Earbud tiefer in den Gehörgang presst. Mit etwas Erfahrung, lässt sich das jedoch vermeiden, indem man die Tasten etwas seitlich und nicht frontal drückt.

Audio Transparency

Da die Geräuschunterdrückung insbesondere in Verbindung mit den Comply Foam Tips hervorragend ist, setzt Bragi auch bei The Headphone auf die Audio-Transparency-Funktion. Dabei werden die geblockten Außengeräusche über Mikrofone aufgenommen und wieder hörbar gemacht. Ursprünglich war es wohl angedacht, diese Funktion z. B. im Straßenverkehr zu aktivieren. Das ist zwar möglich, aufgrund der Windgeräusche aber unerträglich.

M. E. gibt es nur ein einziges, sinnvolles Anwendungsszenario für diese Funktion, nämlich im Falle kurzer Wortwechsel z. B. an der Supermarktkasse oder im Fitnessstudio. Dann muss man die Earbuds nicht extra herausnehmen, um sein Gegenüber zu verstehen.

Bragi The Headphone, In-Ear, Earbuds
Da die Earbuds beim Tragen leicht schräg im Ohr sitzen, verändert sich auch die Lage der Tasten etwas. Die Bedienung geht aber dennoch ganz leicht von der Hand.

Bluetooth-Reichweite

Der größte Kritikpunkt an The Dash war die geringe Reichweite des Bluetooth-Signals. Hier musste Bragi nachbessern und mit The Headphone gehören diese Probleme glücklicherweise der Vergangenheit an. Die Reichweite konnte merklich erhöht werden und die Verbindung ist auch beeindruckend stabil.

Im Freien kann ich mich 13 Schritte vom iPhone entfernen, ehe Verbindungsaussetzer bei der Musikwiedergabe auftreten. Mit Sichtkontakt zum rechten Earbud (hier ist die Bluetooth-Antenne verbaut) sind es sogar 17 Schritte. Dies entspricht der Breite von sechs Parkplätzen! Das ist wahrlich nicht schlecht. Es spielt also keine Rolle, ob man das Smartphone nun in der linken Hosentasche, der Gesäßtasche oder am linken Oberarm trägt. Auch das Tragen von Mützen oder Kapuzen führt zu keinerlei Beeinträchtigungen.

Batterielaufzeit

Bragi verspricht bis zu sechs Stunden Musikgenuss, womit The Headphone sogar doppelt so lange durchhalten würde wie The Dash. Leider stimmt das nicht. Mehr als 5:15 Stunden sind bei mir im Schnitt einfach nicht drin. Und ich gehöre nicht gerade zu den Leuten, die die Lautstärke voll aufdrehen. Aber – wie erwähnt – muss ich den Lautstärkepegel bei The Headphone, im Vergleich zu diversen anderen Kopfhörern, deutlich anheben. Insofern halte ich die Angabe von bis zu sechs Stunden Musikwiedergabe für eine schamlose Übertreibung. Sie ist in etwa so realistisch wie die Herstellerangaben zum Verbrauch/Schadstoffausstoss von Personenkraftfahrzeugen.

Bragi The Headphone, In-Ear, Earbuds
Sobald beide Earbuds konstant blau leuchten, ist The Headphone vollständig aufgeladen.

Nichtsdestotrotz sind rund 315 Minuten schon ein beachtlicher Wert. Bevor den Earbuds der Saft ausgeht, geben sie übrigens zwei Warntöne ab. Zwischen dem ersten und dem zweiten Warnton liegen etwa zehn Minuten. Weitere drei, vier Minuten später erklingt der letzte Ton und die Earbuds schalten sich aus. Nach etwa 80 Minuten sind sie wieder vollständig aufgeladen. Dabei ist mir aufgefallen, dass der Ladevorgang beim linken Earbud bereits nach ca. 20 Minuten abgeschlossen ist.

Im Praxistest

Wer kennt diese Situation nicht? Man will beim Abbiegen nur eben einen Blick über die Schulter werfen und schon wird ein Earpod aus dem Ohr gezogen. Selbst bei semi-kabellosen Ohrhörern bleibt das Verbindungskabel ständig an Kleidung und Haut kleben und übt einen unangenehmen Zug auf einen Earpod aus oder zieht ihn gleich ganz aus dem Gehörgang. Das ist einfach nur lästig.

Kabellose Earbuds sind dagegen etwas Wunderbares! Ganz gleich, ob man nun durch die Wohnung tanzt, im Garten ein Rad schlägt oder im Wald über Stock und Stein springt, die Earbuds bleiben an Ort und Stelle und sorgen für ungetrübten Hörgenuss. Einfach nur traumhaft! Man kann sich sogar problemlos einen Pullover über den Kopf ziehen, ohne sich der Earbuds vorher entledigen zu müssen. Das ist Freiheit pur und dafür muss man The Headphone einfach lieben.

Aber bei aller Begeisterung wollen wir auch ein paar Kritikpunkte nicht außer Acht lassen. Viele Nutzer kritisieren beispielsweise die Tatsache, dass das Case lediglich zur Aufbewahrung, jedoch nicht als Zusatzakku für The Headphone dient. Bragi wird vermutlich nur aus Kostengründen darauf verzichtet haben, ich persönlich finde das aber ehrlich gesagt gar nicht so schlecht. Erstens ist das Case somit deutlich handlicher und leichter (53 Gramm) als jenes von The Dash und zweitens sollten Akkus ohnehin nicht immer vollständig aufgeladen werden. Das geht nämlich zu Lasten ihrer Kapazität und Lebensdauer.

Als kritikwürdig erachte ich jedoch das Fehlen von Sensoren, die erkennen, ob sich die Earbuds im Ohr befinden oder im Case. Nimmt man während der Musikwiedergabe den rechten Earbud aus dem Ohr, so stoppt zwar die Wiedergabe vom linken Earbud, nicht aber die vom rechten. Das liegt daran, dass lediglich die Verbindung zwischen den Earbuds abreisst. Steckt man anschließend beide Earbuds in das Case, spielen sie weiter fleißig Musik. Das ist natürlich eher suboptimal.

Außerdem kommt es trotz guter Verbindung, ab und an doch zu kurzen Aussetzern oder Hiccups. Die Musik setzt dann für den Bruchteil einer Sekunde aus. Meistens passiert das nur beim linken Earbud, der sein Signal via Near Field Magnetic Induction (NFMI) vom rechten Earbud bezieht. Manchmal sind aber auch beide Earbuds zeitgleich betroffen. In der Regel treten diese kleine Aussetzer ungefähr 1,5 Mal pro Stunde auf.

Wie schon bei The Dash, ist auch die Mikrofonqualität von The Headphone nicht gerade überzeugend. Es reicht, um in ruhigen Umgebungen mit Siri zu kommunizieren oder kurze Telefongespräche zu führen. Längere Gespräche sollte man seinen Gesprächspartnern aber eher nicht zumuten. Generell klingt die Stimme sehr blechern und weit entfernt.

Running, Winter
Gerade bei sportlichen Aktivitäten ist es überaus angenehm, Musik ohne störende Kabel genießen zu können. Diesen Komfort will man nicht mehr missen.

Fazit

Meiner Meinung nach ist The Headphone exakt das, was The Dash hätte sein sollen. Klanglich überzeugende Earbuds mit einer stabilen Bluetooth-Verbindung und einer ausreichenden Batterieleistung. Alle anderen Features von The Dash (z. B. Activity-Tracking und Pulsmessung) können von einer Smartwatch deutlich besser und umfangreicher wahrgenommen werden. Apropos Smartwatch, The Headphone kann natürlich auch problemlos Musik von der Apple Watch wiedergeben.

Lediglich für Wassersportler stellt The Headphone keine Alternative dar, da die Earbuds nur spritzwassergeschützt, aber nicht wasserdicht sind. Für alle anderen dürfte The Headphone aber zweifellos zu den interessantesten Produkten auf dem Markt gehören.

Kommen wir also zum Preis. Etwa zwei Monate lang, bis einschließlich 2. November, konnte The Headphone für 119 Euro vorbestellt werden. Mittlerweile verlangt Bragi aber satte 169 Euro für seine Earbuds und das ist dann doch etwas happig, wie ich finde. Apples AirPods kosten mal gerade 10 Euro mehr, verfügen aber auch über den W1 Chip, Beschleunigungssensoren und ein Ladecase, das trotz Batterie sogar deutlich kleiner und leichter ist als das Carry Case von The Headphone. Der einzige Grund, The Headphone trotzdem den Vorzug zu geben, ist der Formfaktor.

Den aufgerufenen Preis von 169 Euro empfinde ich aber auch deshalb als unangebracht, weil der Kaufpreis außerhalb Europas lediglich 149 US-Dollar beträgt. Das ist für ein deutsches Unternehmen einfach nicht in Ordnung, zumal die Preise für Vorbesteller noch identisch waren und Bragi für The Dash ortsabhängig entweder 299 Euro oder US-Dollar verlangt. Die neue Preispolitik trübt das Bild dann leider doch in einem nicht unerheblichen Maße.

The Headphone bietet aber zweifellos ein überragendes Nutzererlebnis. Wer einmal in den Genuss von kabellosen Earbuds gekommen ist, will nie wieder zu kabelgebundenen Kopfhörern zurückkehren. Darüber hinaus überzeugt The Headphone auch hinsichtlich Passform, Tragekomfort und Klang. Ob das Gesamtpaket 169 Euro wert ist? Nun, da tue ich mich wirklich sehr schwer. Ich habe die Earbuds für 119 Euro bekommen und würde sie zu dem Kurs definitiv erneut kaufen, bei 169 Euro käme ich aber schon ins Grübeln, ob es mir das wert wäre, auch wenn die Earbuds an sich kaum Wünsche offen lassen.

 

ProdukttypWireless Earbuds
KonnektivitätBluetooth 4.0
AusstattungMikrofone, Bedientasten am rechten Earbud, 3 Paar Eartips, Carry Case, USB-Ladekabel
Ladezeitca. 80 Minuten
Wiedergabedauerca. 315 Minuten
GewichtEarbuds: 5 g bzw. 7 g; Carry Case: 53 g
Preis169 Euro (Stand: Januar 2016)

Pros

  • hoher Tragekomfort
  • gute Abschirmung
  • guter Klang
  • komplett kabellos
  • stabile Bluetooth-Verbindung
  • Audio Transparency
  • gute Akkulaufzeit

Cons

  • schlechte Mikrofonqualität
  • kein USB-C
  • hoher Preis

Gesamtnote

1,5

4 Kommentare

  1. kabellos find ich gut, aber ich habe so merkwürdige mini öhrchen, dass die „normalen“ inears nie wirklich passen, deshalb bin ich etwas skeptisch de einfach zu bestellen, ohne zu wissen, ob sie meinen komischen öhrchen passen 😀 aber wenn man sie vorher „anprobieren“ könnte wär ich vermutlih dabei!
    urlaubsgruß aus dem hotel st christina
    Claudia

    1. Hallo Claudia,
      ich denke schon, dass du sie anprobieren kannst. Grundsätzlich hast du bei Bragi ein 14-tägiges Rückgaberecht, ob das nur die ungeöffnete Verpackung betrifft, kann ich jedoch nicht mit Sicherheit sagen. Da würde ich dir raten, dich einfach mal zu erkundigen. Oder du wartest noch etwas ab, bis das Produkt bei Amazon verfügbar ist. Da dürfte es überhaupt kein Problem sein, die Earbuds zurückzusenden, sofern sie dir nicht passen.

  2. Hallo,
    ich wollte mal hören, ob Du immer noch zufrieden mit The Headphone bist? Ich habe schon öfter gehört, dass die Bluetoothverbindung doch nicht so toll sein soll… Ich schwanke nämlich zwischen The Headphone und den Apple AirPods.
    Gruß
    Kai

    1. Hallo Kai,
      ich habe noch von keinerlei Bluetooth-Problemen bei The Headphone gehört und auch selbst nicht erlebt. Das war bei Bragis The Dash noch ganz anders. Natürlich ist die Verbindung nicht so gut wie mit Apples W1 Chip, aber sie funktioniert schon tadellos. Mir wären Apples Air Pods zwar eigentlich lieber, zumal ich The Headphone für 169 Euro für deutlich zu teuer halte, aber die Air Pods sind definitiv nicht sporttauglich und es sind leider auch keine In-Ears. Das sind leider zwei Ausschlusskriterien für mich.

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